Weiteres Wachstum des Luftverkehrs macht Effizienzgewinne und den Hochlauf nachhaltiger Kraftstoffe zunichte
Berlin, 15. September 2026 – Die Ausbau- und Wachstumspläne europäischer Flughäfen sind mit den Klimazielen nicht vereinbar. Das zeigt die heute veröffentlichte Studie von Transport & Environment (T&E), die 20 große Flughäfen in zehn europäischen Ländern untersucht. Alle betrachteten Flughäfen überschreiten nach den Berechnungen von T&E ihr Paris-kompatibles 1,7-Grad-CO₂-Budget um das Zwei- bis Dreifache. Dies gilt selbst dann, wenn der weitere Hochlauf nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF) und effizientere Flugzeuge bereits berücksichtigt werden.
Für Deutschland stehen die Flughäfen Frankfurt und München im Mittelpunkt. Sie verursachten 2025 zusammen rund 70 Prozent der deutschen CO₂-Emissionen aus abgehenden Flügen. Obwohl an beiden Flughäfen keine neuen Start- und Landebahnen geplant sind, ermöglichen zusätzliche Terminalkapazitäten und eine intensivere Nutzung der bestehenden Infrastruktur weiteres Verkehrswachstum.
Frankfurt: Emissionen mehr als doppelt so hoch wie das Budget
Am Flughafen Frankfurt schafft das im April 2026 eröffnete Terminal 3 perspektivisch Kapazität für bis zu 25 Millionen zusätzliche Passagiere jährlich. Nach der Wiedereröffnung des modernisierten Terminal 2 soll der Flughafen Mitte der 2030er Jahre insgesamt zwischen 90 und 100 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen können.
T&E berechnet für Frankfurt ein Paris-kompatibles CO₂-Budget von 147 Millionen Tonnen. Die zusätzliche Kapazität des Terminal 3 führt nach der Modellierung zu weiteren 36 Millionen Tonnen CO₂. Insgesamt würden sich die Emissionen zwischen 2025 und 2050 auf 298 Millionen Tonnen CO₂ summieren – mehr als das Doppelte des von T&E berechneten Budgets.
München: CO₂-Budget ebenfalls um Faktor zwei überschritten
Auch München setzt auf weiteres Wachstum. Ein neuer Pier am Terminal 2 soll ab 2035 Kapazität für weitere zehn Millionen Passagiere jährlich schaffen. T&E beziffert die dadurch zusätzlich verursachten Emissionen auf 7,5 Millionen Tonnen CO₂.
Bis 2050 würden sich die Emissionen des Flughafens auf 112 Millionen Tonnen CO₂ summieren. Dem steht ein von T&E berechnetes Paris-kompatibles Budget von lediglich 56 Millionen Tonnen gegenüber. Auch München würde damit etwa das Doppelte seines Budgets emittieren.
Für beide Flughäfen wäre das von T&E modellierte Budget bereits 2037 ausgeschöpft. Um innerhalb dieses Rahmens zu bleiben, müssten Frankfurt und München ihre CO₂-Emissionen nach den Berechnungen von T&E jährlich um rund acht Prozent reduzieren.
Technischer Fortschritt allein reicht nicht
Die Studie widerlegt nach Auffassung der Bundesvereinigung gegen Fluglärm (BVF) die Vorstellung, weiteres Wachstum des Luftverkehrs könne allein durch technische Verbesserungen klimaverträglich werden. T&E berücksichtigt in seinen Berechnungen bereits den zunehmenden Einsatz von SAF und effizientere Flugzeuge. Trotzdem überschreiten sämtliche untersuchten Flughäfen ihre CO₂-Budgets.
Werner Kindsmüller, Präsident der Bundesvereinigung gegen Fluglärm, erklärt:
„Wir können nicht gleichzeitig immer mehr Flughafenkapazität schaffen, den Luftverkehr weiter wachsen lassen und darauf vertrauen, dass technische Fortschritte die Klimaziele retten. Die Studie zeigt, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Wir brauchen einen Abschied vom Wachstumsdogma im Luftverkehr. Flughafenkapazitäten und Flugverkehr müssen sich an den Klimazielen orientieren – nicht umgekehrt.“
BVF fordert Kurswechsel in der Luftverkehrspolitik
Die BVF fordert die Bundesregierung auf, ihre Luftverkehrspolitik konsequent an den Grundsätzen Vermeiden, Verlagern und Verbessern auszurichten. Dazu gehören der Hochlauf nachhaltiger Flugkraftstoffe, die Verringerung der gesamten Klimawirkung des Luftverkehrs einschließlich der Nicht-CO₂-Effekte, der Abbau klimaschädlicher Subventionen und die Verlagerung geeigneter Verbindungen auf die Schiene.
Zugleich muss das Wachstum des Flugverkehrs begrenzt werden. Weitere Flughafenkapazitäten dürfen nicht geschaffen werden, wenn sie mit Paris-kompatiblen CO₂-Budgets unvereinbar sind. Auch die verfügbaren Slots müssen schrittweise an diese Grenzen angepasst werden.
Damit greift die BVF zentrale Empfehlungen der T&E-Studie auf. T&E fordert unter anderem, nicht budgetkompatible Flughafenerweiterungen zu stoppen oder abzulehnen, Steuerprivilegien des Luftverkehrs abzubauen und die Slot-Kapazitäten der Flughäfen an CO₂-Grenzen auszurichten. Öffentliche Mittel sollen statt in zusätzliche Flughafenkapazitäten in klimafreundliche Alternativen fließen.
„Die Politik darf Verkehrswachstum nicht länger als unveränderbare Größe behandeln. Wenn das verbleibende CO₂-Budget begrenzt ist, muss auch die Menge des Verkehrs Teil der Klimapolitik sein. Vermeiden, Verlagern und Verbessern gehören zusammen“, so BVF-Präsident Werner Kindsmüller.
Hintergrund und Einordnung der BVF
Auf unserer Themenseite „Fliegen außer Kontrolle: Wachstum, das das Klima nicht mehr verträgt“ ordnet die Bundesvereinigung gegen Fluglärm (BVF) die Ergebnisse der T&E-Studie für Deutschland ein. Dort finden sich die zentralen Ergebnisse für Frankfurt und München, Grafiken und Hintergründe.
