Fluglärm bei vulnerablen Menschen ein akuter Trigger für ein tödliches Herz-Kreislauf-Ereignis
Bei nächtlichen Todesfällen war die Fluglärmbelastung in den zwei Stunden vor dem Tod signifikant mit der kardiovaskulären Mortalität verbunden. Für die höchste untersuchte Expositionsgruppe mit einem LAeq von mehr als 50 dB gegenüber weniger als 20 dB betrug die Odds Ratio 1,44.
Mit anderen Worten: In dieser Untersuchung war eine hohe nächtliche Fluglärmbelastung unmittelbar vor dem Tod mit einer um 44 Prozent höheren Odds eines kardiovaskulären Todesfalls verbunden. Besonders konsistente Zusammenhänge fanden sich für ischämische Herzerkrankungen, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen.
Das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut berichtete bei einer nächtlichen Belastung zwischen 40 und 50 dB über eine Risikoerhöhung von 33 Prozent und bei höheren Belastungen über 55 dB von 44 Prozent.
Damit richtet sich die wissenschaftliche Diskussion nicht mehr allein auf mögliche Erkrankungen nach jahrzehntelanger Belastung.
Sie umfasst die Möglichkeit, dass nächtlicher Fluglärm bei vulnerablen Menschen ein akuter Trigger für ein tödliches Herz-Kreislauf-Ereignis sein kann.
Rund drei Prozent der kardiovaskulären Todesfälle zugerechnet
Die Züricher Forschenden berechneten darüber hinaus eine sogenannte populationsbezogene attributable Fraktion von rund drei Prozent.
Das bedeutet nicht, dass bei jedem einzelnen Todesfall nachträglich bewiesen werden könnte: Dieser Mensch starb an Fluglärm.
Es ist eine statistische Aussage über die untersuchte Bevölkerung.
Das Swiss TPH erläuterte die Größenordnung anschaulich: Nach Berechnung der Forschenden könnte Fluglärm in der untersuchten Population zu ungefähr 800 der rund 25.000 beobachteten kardiovaskulären Todesfälle beigetragen haben.
Das ist eine Zahl, die Aufmerksamkeit verdient.
Nicht weil sie sich einfach auf Frankfurt, Köln, Hamburg, Leipzig oder Nürnberg übertragen ließe – das kann sie nicht.
Sondern weil sie zeigt, in welcher Größenordnung gesundheitliche Folgen liegen können, wenn ein Umweltfaktor eine große Bevölkerung dauerhaft betrifft.
Ein individuell relativ kleiner Risikoanstieg kann auf Bevölkerungsebene erhebliche Auswirkungen haben.
Warum gerade die Nacht gefährlich sein kann
Dass die Züricher Studie gerade nachts einen Zusammenhang fand, ist biologisch plausibel.
Der schlafende Organismus befindet sich in einer Phase, in der Erholung und kardiovaskuläre Regulation stattfinden sollen. Ein plötzliches Lärmereignis kann eine Stressreaktion hervorrufen. Herzfrequenz und Blutdruck können reagieren, Stresshormone ausgeschüttet werden, Gefäße verändern ihre Funktion.
Bei einem gesunden jungen Menschen führt ein einzelnes Ereignis in aller Regel nicht zu einem Herzinfarkt.
Aber Bevölkerung besteht nicht nur aus jungen, völlig gesunden Menschen.
Millionen Menschen leben mit Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Rhythmusstörungen, Diabetes oder anderen Risikofaktoren. Manche wissen davon, andere nicht.
Bei einem bereits vulnerablen Herz-Kreislauf-System kann ein zusätzlicher akuter Stressreiz deshalb eine andere Bedeutung haben.
Genau das ist das Konzept des Triggers.
Fluglärm muss nicht allein die gesamte Krankheit erzeugt haben, um für einen konkreten Zeitpunkt gesundheitlich relevant zu sein. Ähnlich können körperliche Überanstrengung oder starke emotionale Erregung bei vorbelasteten Menschen akute kardiovaskuläre Ereignisse triggern.
Der Schweizer Epidemiologe Martin Röösli ordnete die Ergebnisse entsprechend ein: Der Effekt sei vergleichbar mit bekannten akuten Einflüssen emotionaler Belastungen; zugleich verwies er auf Stress und Schlafbeeinträchtigung durch Nachtlärm als plausible Erklärung.