Bürgerinitiativen intern

Probleme in der zwischenmenschlichen Kommunikation

Hallo Deutschland!

Von außen betrachet, sind Bürgerinitiativen Zusammenschlüsse von Menschen mit denselben Zielen. Man könnte also annehmen, dass diese Menschen untereinander sich einig sind und es in ihrer internen Kommunikation keinerlei Meinungsverschiedenheiten gibt.

Aber wenn man sich vor Augen führt, dass das Erreichen eines Ziels von Einem mit der tausende Jahre alten Streitaxt erzwungen werden möchte und vom Andern durch besonnen geführte Gespräche mit den Andersdenkenden, kann man sich vorstellen, dass auch die Rhetorik der Beteiligten von agressiv bis beschwichtigend wahrgenommen wird und dabei zeitweise ungewollt Emotionen entfacht werden.

Beruf, Beziehung, Alltag: Ständig kommunizieren wir mit anderen. Und immer wieder entstehen dabei Probleme. Oft gelingt es uns nicht, uns verständlich zu machen. Und ebenso oft begreifen wir unser Gegenüber nicht. Gespräche werden zum Streit, ohne dass uns so recht klar ist, warum.

Was sind die typischen Probleme? Und wie können wir sie beheben? Friedemann Schulz von Thun, der bekannte Lehrmeister der Kommunikationspsychologie sagt, das die ankommende Nachricht “ein Machwerk des Empfängers” ist.

Aktuell erlebte ich selbst gerade erhebliche Kommunikationsprobleme in meiner Bürgerinitiative, die ich an dieser Stelle jedoch nicht im Wort wiedergeben möchte. Es waren Kommunikationsprobleme erwachsener Personen untereinander, die in einem verbalen Tiefpunkt respektloser und entwürdigender “Ratschläge” endeten. Und dann las ich heute zum Thema einen Beitrag, der die Vorbildfunktion “Erwachsener” zu Kindern in ihrem verbalen Ausdrucksweisen beleuchtete. Dies deckte sich meines Erachtens mit meinen aktuellen Erlebnissen. Es sprach mich an, berührte meine eigenen Empfindungen und ich zitiere den Beitrag darum an dieser Stelle:

Die Einleitung:

Erwachsene sollten Kindern und Jugendlichen ein Vorbild sein. Aber oft genug liegen wir mit unserem Ton und unserem Verhalten selbst daneben. Wofür stehen wir Erwachsenen eigentlich? Oder ist sowieso alles egal, weil Vorbilder nicht mehr nützlich sind?

Vater und Kind
Die Sehnsucht nach Vorbildern ist ausgeprägter, als gemeinhin zugegeben wird – nicht nur bei Kindern, sondern auch unter Erwachsenen. Foto: HAZ-IStock

Sag mir, wofür Du stehst

von Manfred Bönsch

In einer Klasse einer Berufsschule gibt es häufig Verhaltensprobleme. An diesem Tag herrschen wieder Disziplinschwierigkeiten, und der unterrichtende Lehrer sagt aus seiner Verärgerung heraus: “Ihr seid Arschlöcher, ihr seid alle Asoziale.“ Ein anderes Beispiel: Vater und Sohn kommen zu einer Zeugnisbesprechung in einer Grundschule. Das Sozialverhalten des Jungen ist recht kritisch beschrieben worden. Der Junge sagt: “Muss man denn heute der Lehrerin in den Arsch kriechen, um eine gute Note zu bekommen?“ Der Vater sagt dazu nichts. – Das sind zwei kleine, aus dem realen Leben genommene Beispiele, die das Thema “Vorbildverhalten“ aktuell machen.

Ähnlich wie die Debatte über Disziplin wird die Diskussion um Vorbilder unterschiedlich geführt. Die einen fürchten schnell die Rückkehr zu Übermüttern oder Übervätern, an denen sich Heranwachsende ohne Wenn und Aber zu orientieren haben. Andere lehnen Vorbilder ohnehin ab, weil ihrer Ansicht nach Kinder von Geburt an gut sind und die Erwachsenen als Vorbilder nicht brauchen. Dritte wissen nicht, wofür sie im Umgang mit Kindern und Jugendlichen stehen sollten. Heranwachsende müssen eben selbst sehen, wie sie zu Rande kommen.

Der Ärger des zitierten Lehrers ist ja eventuell sogar nachvollziehbar und seine Sprache ist wenigstens ehrlich und deutlich. Der Vater denkt vielleicht still das, was sein Sohn ausspricht. Aber was ergibt sich daraus für Kinder und Jugendliche? Verletzende Sprache und derbe Ausdrücke sind heute notwendig, wenn man sich behaupten will? Oder leben Erwachsene heute zu oft Verhalten vor, das entwürdigend ist und die Welt unfreundlich macht? Beispiele kann man genug finden, man braucht nur an das Verhalten im Verkehr zu denken.

Sehnsucht nach gutem Beispiel

An wem könnte, möchte man sich orientieren? Der Begriff des Vorbildes meint ja etwas, was vor einem steht – Vor-Bild -, was Orientierung oder sogar Beispiel sein könnte. Studien zeigen immer wieder, dass Kinder und Jugendliche Orientierung suchen, weil sie sie brauchen. Menschen zu erleben, die Ideen oder wenigstens eine Ahnung davon vermitteln, was Menschsein, Lebensperspektive, Kompromissbereitschaft und Konflikthärte sein könnte, das wäre etwas. Jemanden zu finden, der glaubt, was er lehrt, der tut, was er glaubt, das wäre eine Sensation!

Diese Sehnsucht nach gutem Beispiel ist ausgeprägter, als gemeinhin zugegeben wird, übrigens auch unter Erwachsenen noch. Zu häufig fehlen Authentizität, Ehrlichkeit, Echtheit. Man spielt eher Rollen – da den Progressiven und dort plötzlich den Erzkonservativen. Man passt sich Erwartungen an, dreht sich nach dem aktuell wehenden Wind. Dann kommt es eben zu den Bastelbiografien, aus denen sich vor allem taktisches Verhalten ergibt. Kommunikation wird unecht, wirkt gespielt. Den “falschen Fünfziger“ kennt jeder. Aber Vorbild ist er nicht, selbst wenn er ganz gut durchs Leben kommt.

Jedes Menschenkind kommt ohne Werte und Normen zur Welt, es wird Mensch im Zusammenleben mit anderen, es braucht also existenziell Orientierung, Beispiel, Vorbild. Die Eltern leben als allererste vor, was Zuwendung, Vertrauen, wechselseitige Liebe, berechtigter Stolz, aber auch Bescheidenheit ausmachen und wie das Zusammenleben dadurch erfreulich wird. Fehlen diese frühzeitigen Bindungserfahrungen, kann es passieren, dass die seelische Verkümmerung früh beginnt.

Eltern müssen Regeln einhalten und vorleben

Eltern werden, wenn sie klug sind, Werte und Normen, die sie ihren Kindern vorleben wollen, deutlich machen. Und sie werden die Regeln des Alltags, die alle einhalten müssen, selbst leben, um glaubwürdig zu sein. Nicht alles läuft von allein, also sind gelegentlich Konsequenzen notwendig. Orientierung hat auch mit Grenzerfahrungen zu tun: bis dahin und nicht weiter! Wenn das ehrlich und durchgehend nicht nur gepredigt, sondern gelebt wird, ist Vorbildverhalten gegeben.

Man muss sich mühen und plagen, wenn man etwas erreichen will. Aber es gibt auch Spiel, Entspannung und Fröhlichkeit sowie Zeiten der Trauer und des Verdrusses. Wie man sie lebt, ist entscheidend. Authentizität ist wichtig. Da liegen die entscheidenden Elemente des Vorbildverhaltens. Und wie hält man es mit Toleranz, aber auch strenger Ablehnung? Eigenarten sind gut, aber sie müssen vermittelbar sein.

Am stärksten wird sich Vorbildverhalten im Gebrauch der Sprache zeigen. Der oben beschriebene Vater hätte eben sagen müssen: “So sprechen wir nicht miteinander.“ Und der Lehrer müsste die Kontrolle über sich und sein Sprache behalten. Jeder macht Fehler. Kann er diese zugeben und sich entschuldigen, ohne Angst vor Autoritätsverlust zu haben? Die Facetten vorbildlichen Verhaltens zeigen sich in vielen Situationen des Alltags. Insofern ist das Vorbild ein Dauerphänomen und elementar wichtig.

Grundwerte im Umgang miteinander

Das Plädoyer für Vorbildverhalten zielt also auf den täglichen Umgang miteinander und wird getragen von Grundwerten: Respekt, Achtung, Aufmerksamkeit vor und gegenüber dem anderen, vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen. Libertinäre Pädagogik im Sinne von “anything goes“ bleibt vorbildlos und damit orientierungslos. Aber darüber nachzudenken, wofür wir eigentlich unseren Kindern gegenüber stehen, ist dann die Herausforderung, die mit dem Elternsein gegeben ist.

Bei den professionellen Pädagogen könnte man erwarten, dass das berufliche Selbstkonzept genügend ausgearbeitet ist. Aber fragen Sie einmal die Schülerinnen und Schüler! Der gute Fachmann, die gute Fachfrau kann von einer menschlichen Vorbildhaltung weit entfernt sein. Also stehen auch hier Reflexionen über Vorbildverhalten an im Interesse der nach Vorbildern Suchenden!

Manfred Bönsch
Zur Person: Manfred Bönsch ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Leibniz-Universität Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Theorie und Struktur der Schule sowie Allgemeine Didaktik. Foto: HAZ – Villegas

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung 20.1.2018

Buchtipp: Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden; Band 1 – 4; Allgemeine Psychologie der Kommunikation

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