Verrauchte Vorsätze

Hallo Deutschland!

Im Hinblick auf korrupte Politiker, wie im Beitrag beschrieben, wurde ich bei der Recherche auf den Aufsatz von Sonja Gibis in der Apotheken-Umschau vom 18. August 2017 aufmerksam. Frau Gibis beschreibt, dass auf ungeklärte Weise ein Gesetz gegen Werbung für das Rauchen nicht auf die Tagesordnung des Parlaments gelangt und darum auch nicht in Kraft treten kann.

Im Kampf unserer Bürgerinitiativen für Gesundheit gegen pathogene Immissionen möchte ich dem Thema hiermit  angemessenen Raum für ein Vollzitat geben:

Tabakkontrolle
Deutschland hat sich europaweit an die Spitze geraucht. Jedes siebte Todesopfer ist dem Qualmen geschuldet.  Dennoch blockiert die Politik wirksame Maßnahmen.

Deutschland auf dem vorletzten Platz? Das passiert sonst nur beim Eurovision Song Contest. Das Thema, bei dem die Bundesrepublik ebenfalls fast das Schlusslicht bildet, ist allerdings unvergleichbar ernster: Rauchprävention. Unter den 35 europäischen Staaten landet Deutschland in der Tabakkontrollskala ganz hinten. Nur in Österreich wird noch weniger getan, um die Bürger vor den Gefahren des Nikotinkonsums zu schützen.

Dass Zigarettenqualm tötet, muss inzwischen kaum mehr betont werden. Es steht auf jeder Packung. Im Schnitt verliert jeder Raucher zehn Lebensjahre, jeder Zweite stirbt an den Folgen seines Konsums. Hierzulande macht das pro Jahr etwa 121.000 Opfer. „Das ist jeden Tag ein Jumbojet voller Leute. Würde täglich einer abstürzen, dürfte längst kein einziger mehr starten“ sagt Dr. Tobias Rüther, Leiter der Tabakambulanz am Klinikum der Uruversität München. „Doch die Rauchtoten sieht man eben nicht.“

Bei der WHO hat man sie trotzdem fest im Blick. Vor mehr als zehn Jahren überzeugte die Weltgesundheitsorganisation 180 Länder, vertraglich dem Vorsatz zuzustimmen, die gefahrliche Sucht einzudämmen. Deutschland setzte bereits 2004 seine Unterschrift unter das Dokument. Und verpflichtete sich damit, Anti-Rauch-Maßnahmen gesetzlich umzusetzen, darunter ein Tabakwerbeverbot – einzuführen innerhalb von fünf Jahren!

Einige Länder machten mit diesen Zielen rasch Ernst. Australien zum Beispiel. Zigaretten stecken dort inzwischen in  Einheitspackungen, hässlich braun und mit großen Schreckbildern drauf. In der Öffentlichkeit gibt es überall strikte Rauchverbote, auch Werbung jeder Art ist untersagt. „Wir wissen, dass Tabakwerbung gerade junge Menschen zum Rauchen verführt“ sagt Professor Sven Schneider, Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit an der Uni Heidelberg. Zusätzlich machten in Australien Steuererhöhungen Tabak zum Luxusprodukt. Die Folge: Die Zahl der Raucher sank bis 2013 von über 25 auf 13 Prozent.

In Europa gilt indes Großbritannien als Vorbild in Sachen Tabakkontrolle und auch bei der Raucherentwöhnung. So gibt es dort ein landesweites Kliniknetz, das beim Aufhören unterstützt, sogenannte Stop-Smoking-Services.

In Deutschland geht der Tabakkonsum ebenfalls leicht zurück. Erfolge gibt es vor allem bei Jugendlichen. „Es raucht aber noch immer ein Viertel der Bevölkerung“ sagt Dr. Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. In absoluten Zahlen halten wir in Europa sogar den Spitzenplatz.

Der Grund: Zögern und Zaghaftigkeit. Wurden Anti-Tabak-Maßnahmen umgesetzt, dann nur verspätet und mit Einschränkungen – wie beim Rauchverbot in Gaststätten. Strikte Regelungen gibt es nur im Saarland, in NRW und Bayern, wo diese per Volksentscheid erstritten wurden. „In der Hauptstadt wird in allen möglichen Kneipen gequalmt“ beklagt Mediziner Rüther. Der Vorsatz, regelmäßig die Tabaksteuer kräftig anzuziehen, verrauchte ebenfalls nach einem Mal. Wie erwartet brachen die Konsumentenzahlen ein. „Seither gibt es Erhöhungen nur noch in homöopathischen Dosen“ beklagt Mons.

Eine Hauptursache, dass Deutschland bei der Rauchprävention hinterherhinkt, sehen Experten klar im Einfluss der Tabakkonzerne. Die Macht der Lobby ist nicht bloß Spekulation, wie ein Schadensersatzprozess in den USA Ende der 90er-Jahre zeigte. Mehrere Konzernriesen mussten ihre Archive öffnen: vertrauliche Briefe, Sitzungsprotokolle, persönliche Notizen. Auch ein deutsches Expertenteam nahm sich die Dokumente vor – und veröffentlichte die Ergebnisse im Fachblatt Gesundheitswesen. Resümee: „Die Entwicklung und Umsetzung einer wirksamen Tabakkontrollpolitik ist in Deutschland durch die Einflussnahme des Verbands der Cigarettenindustrie entscheidend behindert worden.“ Dabei arbeiten Konzerne laut den Autoren gern auch mit halb legalen Mitteln, verfälschen Informationen, kaufen Gutachten.

Die untersuchten Dokumente reichen nur bis 2002. „Der Einfluss ist nach wie vor groß“ weiß Christina Deckwirth von Lobbycontrol, einer Initiative, die sich für mehr Transparenz in der Politik stark macht. Lobbyisten der Tabakindustrie gehen bei der Bundesregierung ein und aus. Eine Anfrage der Linkspartei ergab, dass Konzernvertreter in den vergangenen drei Jahren 32 Mal zu führenden Politikern vorgelassen wurden. Zudem fließt Geld. Neben Spenden, die ab 10.000 Euro offengelegt werden müssen, gibt es eine weitere Möglichkeit, die Deckwirth „das Schattenreich der Parteienfinanzierung“ nennt: Sponsoring. Bei Parteitagen, Sommerfesten, Jubiläen mieten Tabakkonzerne teure Stände, verteilen kostenlos Zigaretten, knüpfen Kontakte. Vielleicht fließt auch Geld, das nirgendwo erscheint.

Dass die Strategie der Konzerne aufgeht, legt die Blockade des geplanten Tabakwerbeverbots nahe. In Europa ist Deutschland inzwischen das einzige Land, in dem noch auf Plakaten und Litfaßsäulen für Tabakprodukte Reklame gemacht werden darf. Vor einem Jahr legte Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) endlich einen Gesetzesentwurf vor, der Außenwerbung ab 2020 verbieten sollte. Was dann passierte, nennt Krebsexpertin Mons einen „politischen Skandal“.

Das Bundeskabinett segnete den Entwurf ab. Es fehlte noch der Beschluss durch das Parlament. Doch dazu muss das Gesetz auf der Tagesordnung stehen. Genau das passierte nie. Warum? Experten finden keine andere Erklärung, als dass einige Politiker das verhinderten. Gelingt es nicht, das Gesetz bis zu den Wahlen durchzubringen, ist Schmidts Entwurf Geschichte.

Es sieht also so aus, als ob Deutschland in Sachen Tabakkontrolle ein Entwicklungsland bleibt. Den Entschluss, von der Zigarette zu lassen, kann aber jeder für sich selbst treffen. „Das lohnt sich in jedem Alter“ betont Rüther. Bei der Entwöhnung gibt es durchaus Hilfe. Medikamente erleichtern den Entzug, zertifizierte, von den Kassen bezuschusste Rauchstopp-Seminare erhöhen den Erfolg. Rüthers Tipp, wenn es nicht gleich klappt: den Vorsatz nicht verrauchen lassen -und es einfach wieder probieren.

Ascher mit Zigaretten
Bild: gemeinfrei, Pixabay

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