„Mich stört Nachtfluglärm nicht!“

Landung in der Dämmerung
Bild: aeroTELEGRAPH

Hallo Deutschland!

Ich sitze im Wartezimmer beim Tierarzt und lerne meinen neuen Nachbarn Gerd (Name geändert) kennen; wir beide haben unsere Vierbeiner zwecks Behandlung dabei.

Wir kommen ins Gespräch. Gerd hat das Haus von Frau L gekauft, die wegen des Fluglärms nach Kiel „ausgewandert“ war. Ich erzähle, das ich mich auch für eine Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr für alle Bürger einsetze, um die Gesundheitsgefährdung durch nächtlichen Fluglärm zu beenden.

„Mich stört Nachtfluglärm nicht!“ sagt Gerd. „Ich habe neben einer Straße gewohnt, wo Tag und Nacht Auto- und Straßenbahnlärm war. Es hat mich nicht gestört.“

Ich hatte auch in jüngeren Jahren damit keine Probleme, entgegne ich. Aber heute weiß ich es besser!

Es ist nicht der gleichbleibende kontinuierliche Lärmpegel, der meinem Körper besonderen Stress aussetzt. Sondern es ist der Fluglärm nachts in Intervallen: 15 Minuten kein Geräusch, dann zwei Minuten 70 bis 80 Dezibel-A beim Überflug eines Flugzeugs, danach wieder 10 Minuten Ruhe, danach wieder Lärm, der mich im Bett unruhig hin- und herwälzen lässt, usw. Wer nachts nicht ruhig schlafen kann, hat laut einer Studie ein größeres Risiko für Herz-, Kreislauf- und psychische Erkrankungen.

Laura Frommberg vom aeroTelegraph schreibt dazu: „Fluglärm ist ein emotionales Thema. In aller Welt kämpfen Interessensgruppen gegen Nachtflüge oder Kapazitätserhöhungen an Flughäfen. Nun erhalten sie wissenschaftlichen Rückhalt für ihre Anliegen. Eine medizinische Studie der Universität von Athen hat 2017 herausgefunden, dass Menschen, die nachts Fluglärm ausgesetzt sind, eher Gefahr laufen, unter Bluthochdruck zu leiden.

Interessant an den Ergebnissen ist auch: Nur wenig Einfluss auf den Blutdruck hat offenbar die persönliche Wahrnehmung davon, ob man vom Lärm genervt ist. Das Risiko stieg unabhängig davon, so die Studie. Vor allem nächtlicher Lärm – ob von Flugzeugen, Menschen, Autos oder Zügen – wirke sich wohl stark auf die Gesundheit aus, weil auch unbewusst der Schlaf gestört würde und man weniger tief schlafe.“

Bild: dpa/Oliver Berg

Beeinträchtigung durch Fluglärm: Arzneimittelverbrauch als Indikator für gesundheitliche Beeinträchtigungen

Zur Abklärung einer möglichen Gesundheitsgefährdung durch nächtlichen Fluglärm um den Flughafen Köln-Bonn wurde eine epidemiologische Studie durchgeführt. Dazu wurden die Daten von mehr als 809.000 Versicherten von sieben gesetzlichen Krankenkassen mit Lärmdaten aus verschiedenen Lärmquellen zusammen gebracht. Dieses entspricht mehr als 42% der Gesamtbevölkerung der Studienregion (Stadt Köln, Rhein-Sieg-Kreis, Rheinisch-Bergischer Kreis).
Die Auswertungen ergaben generell, dass insbesondere nächtlicher Fluglärm zwischen 3.00 und 5.00 Uhr einen Einfluss auf die Häufigkeit und die Menge verordneter Arzneimittel hatte. Insgesamt zeigten sich alle Effekte bei Frauen deutlicher als bei Männern. Dieser Befund erklärt sich dadurch, dass Frauen nach allen vorliegenden Untersuchungen häufiger einen niedergelassenen Arzt konsultieren und deswegen auch häufiger eine Arzneiverordnung erhalten als Männer.
 Die komplette Studie (112 Seiten) können sie hier beim Bundesumweltamt herunter laden:

Risikofaktor nächtlicher Fluglärm

Abschlussbericht über eine Fall-Kontroll-Studie zu kardiovaskulären und psychischen Erkrankungen im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn

Zusammenfassung
  1. Ziel der Fall-Kontroll-Studie war es, den möglichen Einfluss von Fluglärm, insbesondere von nächtlichem Fluglärm auf das Erkrankungsrisiko von Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufs und von psychischen Erkrankungen zu ermitteln.
  2. Zu diesem Zweck wurden die Daten von mehr als 1.020 Millionen Versicherten gesetzlicher Krankenkassen mit Hauptwohnsitz in der Studienregion (Stadt Köln, Rhein-Sieg-Kreis, Rheinisch-Bergischer Kreis) mit Daten des Umgebungslärms (Fluglärm, Straßenverkehrslärm, Schienenverkehrslärm) sowie mit kleinräumig aggregierten Sozialdaten (Sozialhilfe-Häufigkeit des Ortsteils bzw. des Stadtteils; Dichte von Alten- und Pflegeheimplätzen) in multivariaten logistischen Regressionen ausgewertet. Die Anzahl von Versicherten entspricht mehr als 55% der Gesamtbevölkerung der Studienregion. Die Auswertungen erfolgten nach Geschlechtern getrennt und ausschließlich für Versicherte ab dem 40. Lebensjahr.
  3. Die Ergebnisse zeigen für Herz- und Kreislauferkrankungen einen linearen Anstieg des Erkrankungsrisikos bei beiden Geschlechtern von niedrigen Dauerschallpegeln an (40 dB(A) bei allen Zeitfenstern, von 35,25 dB(A) an für den 24-Stunden-Dauerschallpegel. Diese Ergebnisse zeigten sich nicht für die Zielkrankheit des akuten Herzinfarktes.
  4. Auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen findet sich lediglich ein relevanter Befund: Bei Frauen sind die Erkrankungsrisiken für Depressionen signifikant erhöht, vor allem im Zeitfenster für nächtlichen Fluglärm.
  5. Es zeigen sich bei nahezu allen Analysen stärker erhöhte Erkrankungsrisiken bei der Teilpopulation mit Fluglärmbelastung, die keinen Anspruch hat auf eine Finanzierung von Schallschutzmaßnahmen durch den Flughafen Köln-Bonn.
  6. Eine Diskussion der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz zeigt, dass für Herz- und Kreislauferkrankungen die epidemiologischen Kriterien für die Feststellung eines ursächlichen Zusammenhangs zu Expositionen gegenüber Fluglärm erfüllt sind.
    Die komplette Studie (32 Seiten) können sie hier beim Bundesumweltamt herunter laden: 

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