http://www.fluglaerm.de/koeln/ESKRTHER.htm
Mit nachstehendem Offenen Brief hat sich Stadtsuperintendent Karl Schick von der Evangelischen Kirche in die Diskussion um die Nachtflugproblematik durch den Flughafen Köln/Bonn "eingemischt". Wie dankbar wir als Vertretung der Betroffenen darfür sind, lässt sich mit Worten kaum beschreiben; denn es wurde wirklich Zeit, dass sich eine im öffentlichen Leben höher gestellte Persönlichkeit, die nicht so einfach zu ignorieren ist, einmal im unserem Sinne nach aussen äussert. Mit den von Herrn Schick hier vorgetragenen Argumenten laufen wir seit Jahren bei den für diese Flughafenpolitik Verantwortlichen Sturm, werden aber ständig mit dem Totschlagargument "ein Nachtflugverbot kostet Arbeitsplätze und schwächt die wirtschaftliche Kraft der Region" zurückgewiesen. Dabei gibt es ein übergeordnetes Schutzbedürfnis der Menschen, denn mit diesem Argument hat der Bundesverkehrsminister Bodewig der Schweizer Regierung einen Staatsvertrag abverlangt, der eine massive Einschränkung von Überflügen des Süddeutschen Raumes speziell des nachts und sogar an Wochenenden vorsieht. Nicht nur dieser Vorgang beweist, wie ungleich Politiker gleichartige Tatbestände nach dem Prinzip des politischen Vorteils behandeln.
Deshalb müssen Gelegenheiten wie der Brief von Herrn Schick dazu führen, dass auch die eigene Meinung zu diesem Thema in einer der Betroffenheit entsprechenden Zahl, und zwar durch Briefe an Herrn Schick, die Presse, Politiker in Land und Kommune, öffentlich zum Ausdruck gebracht wird.
Bitte ergreifen auch Sie diese Initiave !!!!
Lärmschutzgemeinschaft Köln/Bonn e.V.
Wolfgang Hoffmann
stellv. Vorsitzender
Offener Brief von Stadtsuperintendent Karl Schick, Evangelische Stadtkirche Köln
an
Herrn
Dr. med. Norbert Rüther (MdL, MdR Stadt
Köln)
Vorsitzender des Aufsichtsrates
des Flughafens Köln/Bonn
Postfach 98 01 20
51129 Köln
Köln, 22. September 2001
Der Evangelische Stadtkirchenverband Köln nimmt Stellung zur Belastung der Bürgerinnen und Bürger in Köln und Umgebung durch Nachtflug ab Flughafen Köln/Bonn
Sehr geehrter Herr Dr. Rüther,
die schwere Belastung von mehr als 400.000 Menschen in der Region Köln/Bonn durch Nachtfluglärm vom Flughafen Köln/Bonn gibt uns als evangelische Kirche in der Region aktuell Anlass zu sehr ernster Besorgnis: Die Medien berichten von Ausbauplänen des Flughafens, und Stadt Köln, Land, Bund und Europäisches Parlament schieben sich gegenseitig die Verantwortung für ein vermeintlich "nicht durchsetzbares" Nachtflugverbot zu; die auf ein Ende ihrer Qual hoffenden Menschen aber - sie werden nachts viele Male aus dem Schlaf gerissen und können tags darum nicht mehr ihre volle Leistung erbringen - werden geopfert.
Darum schreibe ich Ihnen, dem Aufsichtsvorsitzenden des Flughafens Köln/Bonn und dem Kommunal- und Landespolitiker, denn der Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen einerseits und der Bewahrung von Gesundheit, Lebensfreude und Schaffenskraft der betroffenen Bürgerinnen und Bürger andererseits fordern meine Integrität als Kirchenmann, der sich für notleidende Menschen in der Region einzusetzen hat .
Lassen Sie mich ins Detail gehen, um Ihnen deutlich zu machen, dass ich hier keinen "Pflicht-Appell" an Sie richte, sondern dass der Evangelische Stadtkirchenverband Köln die betroffenen Kinder, Frauen und Männer in ihrem Kampf um Nachtruhe eindeutig unterstützt:
Sozialethische Argumentation aus evangelischer Position
Aus unserer Sicht ist es zunächst problematisch, die ökonomische Logik der Argumente einseitig zu Gunsten des Nachtflugs zu reklamieren, wie Sie dies tun.
Eine ganzheitliche Sicht der Nachtflugproblematik muss unserer Meinung nach vielmehr von der sozialethisch kardinalen Frage geleitet sein, welche Form des wirtschaftlichen Handelns im umfassenden Sinn für die Menschen vor Ort und für ihre Lebensqualität zweckdienlich ist.
Aus dieser Perspektive ist zumindestens in Rechnung zu stellen, dass den ökonomischen Argumenten auf der einen Seite (Beschäftigungseffekte durch extensive Nutzung der Flugfrequenzen) Argumente auf der anderen Seite gegenüberstehen, die auf die ökonomisch betrachtet negativen Folgen (Ruin der Gesundheit, Raub der Nachtruhe und notwendigen Erholung, dadurch Minderung der Wertschöpfungsfähigkeit, Wegzug von zum großen Teil hochqualifizierten Beschäftigten und nicht zuletzt Vernichtung von Vermögen durch Immobilienwertverlust) hinweisen. Hier greift eine rein betriebsökonomische Reduzierung der Argumentation zu kurz!
Theologische Argumentation aus evangelischer Position
Ein für uns auch theologisch entscheidender Punkt ist der - mit der Nachtflugentwicklung verbundene -Angriff auf die Nachtruhe und damit auch auf die Gesundheit der davon Betroffenen. Die biblische Sabbattradition, der wir uns auch als Christen und Christinnen verpflichtet wissen, macht deutlich, dass die Ruhe elementarer Bestandteil des Lebens ist.
Besonders die Nachtruhe unterbricht bewusst ökonomisch denkbare Möglichkeiten eines rund um die Uhr praktizierten Verwertungsprozesses durch Arbeit. Inhalt und zugleich Ziel dieser Ruhedimension ist, sich der eigenen Geschöpflichkeit bewusst zu werden und Lebensräume zu entdecken, die, frei von Arbeit, Möglichkeiten zur gemeinsamen sozialen Zeit eröffnen.
Auch wenn - für damalige Lebensverhältnisse nachvollziehbar - sich der Sabbat nur auf die zyklische Ruhephase einer wöchentlichen Unterbrechung der Arbeit bezieht, so steht seine eigentliche Intention, den Zugriff der Arbeit auf das Leben der Menschen zu begrenzen, auch dann im Konflikt mit wirtschaftlichem Handeln, wenn dieser Zugriff die Nachtruhe betrifft. Anders gesagt: Eine solche Dimension der Ruhezerstörung kam für damalige Verhältnisse noch gar nicht in den Blick.
Hier aber Besorgnis und Protest anzumelden, ist aus meiner Sicht eine konsequente Wahrnehmung christlicher Verantwortung, die sich dieser Sabbattradition verbunden weiß.
Medizinische und sonstige wissenschaftliche Argumentation und Faktenlage
Natürlich sind uns als Evangelischer Kirche auch die objektiven Daten und Erkenntnisse der neuesten Lärmwirkforschung bekannt. Ungeachtet dieser Fakten werden Hundertausende von Menschen der Region Köln/Bonn nachts durch den Fluglärm gequält und in ihrer Gesundheit geschädigt - zugunsten eben zweifelhafter, zumindest aber partieller wirtschaftlicher Vorteile. Der Nachweis, wie schädigend eine wiederholte nächtliche Schlafstörung ist, ist längst wissenschaftlich seriös geführt; Ihnen dürften, mit Ihrem professionellen medizinischen Hintergrund, diese Erkenntnisse gewiss bekannt sein.
Um so dringlicher meine konkreten Fragen an Sie:
Wenn schon die Basis der Fluglärmbewertung, das von Gerichten so gerne bemühte und von Experten so heftig kritisierte sogenannte "Jansen-Gutachten" (das zwischenzeitlich durch neuere, umfassendere Untersuchungen überholt ist), auch aufgrund einer neueren Überprüfung des damals genutzten Datenmaterials nunmehr um 10 Dezibel nach unten zu korrigieren ist, wie kann dann ernsthaft und verantwortlich in unserer Region eine Kernruhezeit den Menschen vorenthalten werden? Welches Argument läßt sich finden, sehenden Auges die Schaffenskraft und Lebensfreude einer ganzen Region zu zerstören?
Wie können Sie (und Herr Schwanhold und Herr Clement und viele andere...) es verantworten, dass der Bevölkerung und den Unternehmen Rechtssicherheit gegeben werden soll - wie zum Beispiel durch das sogenannte "22-Punkte-Programm" von 1996 des Landtages als Basis der gegenwärtigen Nachtflugregelung - diese Rechtssicherheit aber regelmäßig dort endet, wo der Schutz der Bevölkerung beginnt?
Das Vertrauen in die Integrität von Politikern wie Ihnen muss doch, mit Verlaub, Herr Dr. Rüther, gänzlich zerstört werden, wenn eine kurze Mitteilung der EU als "Stellungnahme" deklariert wird und dies der willkommene Anlass ist, signifikante Einschränkungen des nächtlichen Flugbetriebes jedweder Art fallen zu lassen
Wie wollen Sie einer ganzen Region erklären, dass weltweit der Schutz der Gesundheit der Menschen einen immer höheren Stellenwert erfährt, aber ausgerechnet in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Europas der nächtliche Flugbetrieb ausgebaut wird?
Die Bemühungen des Flughafens - trotz gegenteiliger Dementies der handelnden Personen - zu einem Zentrum auch für andere Frachtdienstleister zu werden und so noch mehr nächtlichen Fluglärm in die Region zu holen, sind der Bevölkerung doch bekannt!
Darum mache ich mit meinem Offenen Brief an Sie, lieber Herr Dr. Rüther, den Anfang – eines Dialogs und vor allem einer öffentlichen Debatte, denn ich denke, dass wir es den Menschen in unserer Region schuldig sind, die Auseinandersetzung über die Zukunft des Flugverkehrs fair und ohne Diffamierung der jeweiligen "Gegenseite" öffentlich zu führen: Ein demokratisch orientierter Diskurs über das, was für diese Region nachhaltige Zukunft bedeutet, sollte wohl nicht mit dem bürokratischen Verweis auf Kurzmitteilungen der EU im Keim erstickt werden!
Politische Gestaltung ist, so meine ich, gefordert, den möglichst breiten Konsens zu finden, der sowohl die Anliegen der Flughafenbetreiber, als auch die Bedenken und Einwände der ortsansässigen Bevölkerung aufnimmt und nach akzeptablen Lösungen suchen lässt - wobei sich über Gesundheit und Leben von Menschen im "Tausch" gegen steigenden Umsatz eines Wirtschaftsunternehmens natürlich nicht wirklich verhandeln lassen wird; aber das muss ich Ihnen als Arzt ja nicht sagen.
Deshalb schlage ich vor, dass wir im nächsten Frühjahr unter Federführung unseres Sozialwerks und des Sozialethischen Ausschusses, der bereits mit der Gesamtproblematik befasst ist, ein Symposium veranstalten, bei dem Experten und Expertinnen die brisante Problematik auf sachgerechte Weise erörtern und zu wirklich perspektivischen Handlungsempfehlungen für Mensch und Wirtschaft kommen.
Ich würde mich freuen, wenn Sie persönlich sich für die Umsetzung eines solchen Symposiums stark machen könnten, um möglichst alle beteiligten Seiten zusammenführen.
Mit freundlichen Grüßen
Karl Schick
Stadtsuperintendent
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