Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln/Bonn e.V.
Ortsverband Hennef

Protokoll eines medizinisch-wissenschaftlichen Symposiums

am 18. November 2006 im Stadtmuseum in Siegburg, während dem die Ergebnisse der im Auftrag der Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf e.V. (Siegburg) unter Leitung von Herrn Prof. Dr. med E. Greiser (Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen) durchgeführten epidemiologischen Untersuchung mit dem Titel "Gesundheitsgefährdung durch Fluglärm"vorgestellt wurden.

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A) Ergebnisse der epidemiologischen Untersuchung

Es handele sich um die weltweit größte epidemiologische Studie zur Untersuchung gesundheitlicher Folgen des Fluglärms. Sie wurde mit dem Ziel durchgeführt um festzustellen, ob für Krankenkassenversicherte, welche in durch Fluglärm stärker belasteten Gebieten wohnen, spezifische Arzneimittel häufiger und in größeren Mengen verordnet werden als für solche Versicherte, die in gering bzw. unbelasteten Bereichen leben. Hierzu wurden die Daten von 809.000 Versicherten aus verschiedenen Gebieten (Stadt Köln und Rhein-Sieg- bzw. Rheinisch-Bergischer Kreis) ausgewertet; das entspricht 42% der Gesamtbevölkerung im der Studienregion. Für die Studie wurden Daten über Verordnungen von Arzneimitteln durch niedergelassene Ärzte herangezogen, welche über einen Zeitraum von 7 Monaten bis 4 Jahre reichten, was insgesamt 1.8 Mio. Versichertenjahren entspricht.

Vom Flughafen Köln/Bonn waren aus dem Jahr 2004 von den sechs verkehrsreichsten Monaten die entsprechenden Flugverkehrsdaten zur Verfügung gestellt worden, so dass es möglich war, einerseits unterschiedlich stark durch Fluglärm belastete Gebiete zu identifizieren und andererseits die anonymisierten Patientendaten adressgenau diesen Gebieten zuzuordnen. Die Untersuchung wurde getrennt nach verschiedenen Altersgruppen sowie Männern und Frauen durchgeführt, so dass die Ergebnisse gut auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind. Außer Fluglärm wurde auch Straßen- und Schienenlärm in die Untersuchung einbezogen.

Die Auswertungen ergaben grundsätzlich, dass

  1. nächtlicher Fluglärm (insbesondere der in der zweiten Nachthälfte) einen Einfluß auf die Häufigkeit und die Mengen verordneter Arzneimittel hat und

b) verschiedene Altersgruppen, sowie Männer und Frauen, unterschiedlich stark auf Lärm reagieren, wobei höhere Altersgruppen immer deutlich stärker als jüngere (und mittlere Altersgruppen) und Frauen durchweg erheblich stärker als Männer betroffen sind.

Somit liefert diese Studie viel genauere Aussagen bezüglich der Lärmwirkungen auf den Altersquerschnitt, als dies mit der "DLR-Schlafstudie" möglich ist, welche in erster Linie eine Laborstudie mit einer relativ kleinen Gruppe von gesunden Probanden im Alter von 18 - 64 Jahren war; somit wurden dabei sowohl ältere Menschen wie auch Kranke und Kinder unberücksichtigt gelassen!

Einzelergebnisse

Blutdrucksenkende Mittel wurden in Gebieten mit stärkerer Lärmbelastung bei Männern um 24% und bei Frauen um 66% häufiger verordnet als in der Vergleichsregion mit geringem bzw. ohne Fluglärm.

Arzneien zur Behandlung von Herz- und Kreislauferkrankungen schlugen in der Verordnungsmenge in lärmbelasteten Gebieten bei Männern mit + 27% und bei Frauen sogar mit + 116 % zu Buche, also mit mehr als der doppelten Menge, welche für Frauen in wenig oder kaum fluglärmbelasteten Gebieten verordnet wird.

Bei schwer Erkrankten, die sowohl blutdrucksenkende Arzneimittel als auch Medikamente für Herz- Kreislauferkrankungen benötigten, stieg in Gebieten mit stärkerem Fluglärm der Verbrauch rapide an: Männer + 44% , Frauen +184%!

►Zur Wirkung von passiven Schallschutzmaßnahmen wurde festgestellt, dass in Gebieten mit Lärmschutzmaßnahmen der Bedarf an Schlafmitteln und Antidepressiva g e r i n g e r als in ungeschützten Gebieten war.

B) Zur Nachtflugproblematik aus kardiologischer Sicht

stellte Prof. Dr. med. Martin Kaltenbach (Em. Ordinarius der Med. Fakultät der Universität Frankfurt/Main) fest:

Herz-Kreislauferkrankungen sind die häufigste Ursache von Krankenhausbehandlungen und verursachen doppelt so viele Todesfälle wie Krebs. Jede Art von Lärm, ganz besonders jedoch Fluglärm, kann zu erhöhtem Blutdruck führen – einem der gravierendsten Auslöser von Herz- und Kreislauferkrankungen.

►Im Umland des Frankfurter Flughafens sei eine mehrmonatige Feldstudie durchgeführt worden, bei der Lärmempfinden, Herzfrequenz (per Langzeit EKG) und Blutdruck von Anwohnern überprüft wurden. Das Untersuchungsgebiet wurde ausschließlich durch abfliegenden Flugverkehr (Starts) belastet. Ein Vergleich der ermittelten Daten mit denen einer Kontrollgruppe in einem wenig/schwach durch Fluglärm belasteten Gebiet ergab, dass im nachts durch Fluglärm mit einem Dauerschallpegel von 50 dB(A) belasteten Gebiet – also vergleichbar z.B. der Langzeitbelastung der Hennefer Bevölkerung – ein signifikanter Anstieg des Blutdrucks in Abhängigkeit vom jeweiligen Lärmpegel zu verzeichnen war! Die Probanden berichteten über eine subjektive Belästigung, verminderte Schlafqualität und objektiv wurde ein Anstieg des Blutdrucks festgestellt. Prof. Kaltenbach betonte, dass ein Zurückfinden in eine stressfreie Ruhephase dann nicht mehr möglich ist, wenn die Ausschüttung von Stresshormonen ein gewisses Ausmaß überschritten hat. Besonders kritisch sieht er die Erhöhung des "Morgen-Blutdrucks" durch Lärm in der zweiten Nachthälfte: dieser sei klinisch viel bedeutsamer als die Erhöhung des "Abend-Blutdrucks": Eine durchschnittliche Erhöhung des Blutdrucks um 10 mm Hg bedeute eine Verdoppelung des Herzinfarktrisikos!

Prof. Kaltenbach folgert deshalb daraus, dass nächtlicher Lärm unterhalb eines Mittelungs-pegels von 45 dB(A) liegen sollte.

C) Podiumsdiskussion

► Der Siegburger Internist Dr. Arno Lange hob hervor, dass das Bluthochdruckrisiko in der DLR-Studie gar nicht vorkomme.

► Auf Anfrage aus dem Zuhörerkreis bekräftigte Prof. Greiser, dass er die DLR-Schlafstudie für ungeeignet hält, allgemeingültige Aussagen über die Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit zu machen, weil sie weder zwischen Männern und Frauen unterscheidet und diejenige Altersgruppe völlig berücksichtigt lässt, die den höchsten Verbrauch an Antidepressiva und Psychopharmaka aufweist.

► Prof. Greiser legt Wert auf die Feststellung, dass mit seiner Untersuchung ein Kausalzusammenhang zwischen Fluglärm und Erkrankung nicht wissenschaftlich belegbar sei. Dies könne eine Studie (die sich nur auf Daten aus der Statistik aufbaut) auch nicht leisten; für einen solchen Nachweis sei eine neue Studie ("Fall-Kontroll-Studie") erforderlich die zeitaufwendig sei und erhebliche finanzielle Mittel erfordere. Prof. Grieser betont aber, dass die jetzige Untersuchung deutliche Hinweise auf physiologische Reaktionen durch die Nachtflugbelastung geliefert habe.

► Einer der führenden deutschen Lärmwirkungsforscher, Privat Dozent Dr. Ing. Maschke, hob hervor, dass die Untersuchung von Prof. Greiser gut mit anderen (ähnlichen) Untersuchungen korreliere. Er wies darauf hin, dass andauernder Lärmstress sich in 5 - 10 Jahren klinisch durch eine Erschöpfung der körperlichen Reserven auswirke und folgerte daraus, dass jetzt der "kritische Punkt für politisches Handeln" gekommen sei. Man könne aufgrund der Dringlichkeit nicht abwarten, bis durch jahrelange Studien letzte wissenschaftliche Sicherheit über die Kausalzusammenhänge vorlägen" !

► Der stellv. Vorsitzende der Lärmschutzgemeinschaft, Wolfgang Hoffmann, wies in einem Diskussionsbeitrag darauf hin, dass die Politik sich beim neuen Fluglärmgesetz offenbar wieder einmal um die dringend notwendigen Konsequenzen wie aktive Lärmschutzmaßnahmen und niedrigere Grenzwerte für passiven Schallschutz, herumdrücke: "Man kann sich angesichts der Faktenlage nur noch an den Kopf fassen!"

 26. November 2006                                                         P.S.: Die Veröffentlichung der Studie wird Ende d.J. erfolgen

gez. Helmut Schumacher

EpiSU



Neue Studie warnt vor nächtlichem Fluglärm
Daten von 800 000 Patienten ausgewertet

Ärzte haben Anwohner des Köln-Bonner Flughafens untersucht.

VON HALVARD LANGHOFF

Köln/Bonn - Rauchen, Übergewicht, mangelnde Bewegung - das alles kann zu Bluthochdruck und Herzkrankheiten führen. Zu der Liste der möglichen Ursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen muss nun wohl auch Nachtfluglärm hinzugefügt werden. Das jedenfalls geht aus einer Studie zur Gesundheitsgefährdung durch Fluglärm im Bereich des Flughafens Köln/Bonn hervor, die an diesem Samstag in Siegburg vorgestellt wird.

Die Daten von mehr als 800 000 Patienten jeder Altersstufe in Köln, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Rheinisch Bergischen Kreis sind dafür herangezogen worden. Damit ist die Untersuchung die weltweit größte epidemiologische Studie zu diesem Thema. Auftraggeber ist die seit 2001 existierende "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf", die für das Projekt vom Umweltbundesamt, dem Rhein-Sieg-Kreis, den Städten Hennef, Siegburg, Lohmar und Neunkirchen-Seelscheid sowie der Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln/Bonn unterstützt wurde. Beauftragt wurde mit der Studie Professor Eberhard Greiser vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen.

Untersucht wurden die Patientendaten von Menschen, die innerhalb und außerhalb von Fluglärmgebieten rund um den Flughafen leben. Dabei wurde speziell der Lärm berücksichtigt, der zwischen drei und fünf Uhr nachts entsteht - eine Hauptverkehrszeit auf dem Flughafen und eine Zeit, in der der Schlafrhythmus des Menschen besonders sensibel reagiert. Zugrunde gelegt wurden Dauerschallpegel von 40 bis 45 Dezibel (geringe Belastung) sowie 46 bis 61 Dezibel (stärkere Belastung), besonders laute Einzelschallereignisse fanden in der Studie allerdings keine spezielle Beachtung.

Der Studie zufolge wurden für Männer, die stärkerer Fluglärmbelastung ausgesetzt sind, um rund ein Viertel häufiger blutdrucksenkende Arzneimittel verordnet als für Patienten in Vergleichsregionen mit geringer Lärmbelastung. Bei Frauen schnellt dieser Wert laut Untersuchung auf 66 Prozent hoch. Der Zusammenhang zwischen Fluglärm und Herz-Kreislauferkrankungen stellte sich auch bei einer Untersuchung heraus, die an allerdings nur 53 rund um den Frankfurter Flughafen lebenden Personen durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Die Höhe des Blutdrucks hängst vom Lärmpegel ab.

Der Zusammenhang zwischen Nachtfluglärm und Gesundheit führt aber auch zu durchaus gegensätzlichen Diskussionen. Das zeigte eine Studie vom Institut für Luft-und Raumfahrtmedizin (DLR), die vor zwei Jahren an kerngesunden Menschen im Schlaflabor durchgeführt worden war. Dabei waren keine wesentlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Versuchsteilnehmer festgestellt worden. Allerdings gab es, speziell in dem Teil der Ärzteschaft, die direkte Erfahrungen mit Patienten hat, zum Teil heftige Kritik an der Methodik der DLR-Studie, die als nicht praxisbezogen angesehen wurde.

weitere Informationen unter:
www.aefusch.de